Dr. Franz Graf-Stuhlhofer

Weg der Versöhnung: Konfessionen im Dialog

Meilensteine auf dem Weg der Versöhnung. 20 Jahre „Ökumene der Herzen“ am Runden Tisch für Österreich, hgg. von Johannes Fichtenbauer, Lars Heinrich, Wolf Paul (2018)

Hier bringe ich Auszüge aus meiner Rezension in der Zs. Freikirchenforschung 2019, S.231-234:

Weg der Versöhnung: Anliegen und Geschichte

Der österreichische Verein „Weg der Versöhnung“ (abg. WdV) blickt mit diesem Sammelband auf die zwei Jahrzehnte seit seinem Beginn 1997 zurück. Damals fand die erste mehrtägige „Begegnungskonferenz“ statt. …
 
Meine Besprechung befasst sich mit dem nun vorliegenden Sammelband; etwaige Kritik bezieht sich auf diese Veröffentlichung, nicht auf den WdV, der mit seinen Begegnungen das wichtige Ziel verfolgt, dass Christen mit unterschiedlicher geistlicher Heimat einander besser verstehen. …

… Der WdV umfasst Leiter aus dem katholischen, evangelischen und freikirchlichen Bereich, insb. solche mit charismatischer Ausrichtung. … „Die Geschichte des Runden Tisches“ von Verena Lang (41-52) beinhaltet auch die Vorgeschichte, vor allem den „Marsch für Jesus“, der in Österreich erstmals 1992 in Wien stattfand.

Benachteiligung von Freikirchen

… Im Hinblick auf die Benachteiligung der Freikirchen in Österreich entstand der Wunsch, sich für deren gesetzliche Anerkennung einzusetzen. Dazu wurde eine Arbeitsgruppe gebildet. Der daran beteiligte Hans-Peter Lang stellt in seinem Beitrag „Freikirchen auf dem Weg zur staatlichen Anerkennung“ (265-274) die Unterstützung durch Katholiken und Evangelische dar. Oliver Henhapel, der Leiter des Kultusamts, lehnte ein damals angedachtes – im Nationalrat zu beschließendes – Freikirchengesetz ab und schlug stattdessen vor, dass sich die freikirchlichen Bünde zusammenschließen, wodurch sie die geforderte Mitgliederzahl erreichen. So geschah es, …

Abendmahl und Taufe als „heiße Eisen“

in „Runder Tisch“ befasste sich mit dem Thema „Abendmahl“, und es kam der Wunsch nach einer gemeinsamen Abendmahlsfeier auf. Für die Katholiken gab es dabei jedoch ein Hindernis, das jedoch in diesem Band nirgends klar benannt wird, sondern nur allgemein umschrieben, etwa so: „Mittlerweile war auch dem letzten Optimisten klar, dass es kirchlich definierte Grenzen beim Abendmahl gab, die unüberwindbar schienen.“ (Martin Griesfelder: „Abendmahlsangebot am Runden Tisch“, 225-227) Thomas Dopplinger („Wenn Gottes Geist einen Gebetsabend führt“, 223f) berichtet davon, dass einige Katholiken bei einem Runden Tisch an einer von einem Baptisten und einem Lutheraner geleiteten Abendmahlsfeier „aus Treue zu ihrer Kirche“ nicht teilnehmen konnten. …
 
Der Freikirchler Wolf Paul bespricht „Taufe und Eucharistie – heiße Eisen?“ (121-128) Er möchte „Vorschläge machen, wie wir die Reibungen möglichst gering halten können“ (122). Dabei richtet er – in der Art einer „Selbstkritik“ – viele Mahnungen an die Freikirchler. In Bezug auf die Taufe meint Paul: „wir wissen sowohl aus der Schrift als auch von den Kirchenvätern, dass in der Gemeinde Jesu von Anfang an ganze Haushalte, und damit auch die Kinder christlicher Eltern, getauft wurden“ (126). Die freikirchliche Auslegung jener Apg-Stellen, die von der Taufe „ganzer Häuser“ sprechen, erwähnt Paul nicht. [Fn.: Man kann z.B. auf 1.Sam 1,21 verweisen: Elkana zog „mit seinem ganzen Haus“ nach Jerusalem, während eine seiner beiden Frauen sowie sein jüngstes Kind, Samuel, zurückblieben. Siehe die Darstellung der freikirchlichen Position von Franz Stuhlhofer: Symbol oder Realität? Taufe und Abendmahl, 1988.]

abgeschwächte Mariologie

„Der Getaufte, der aus der Taufe lebt“ (213) – so wird Christsein aus katholischer Sicht beschrieben. Und die – hier: katholische – Sicht des Bibellesers spielt auch in die Bibelauslegung hinein. Johannes Fichtenbauer zitiert Eph 2,6 folgendermaßen: „Er hat euch mit auferweckt und euch in den Himmel zur Rechten Christi Jesu gesetzt“, und setzt fort: „Taufe ist nach diesem Text Teilhabe nicht nur an der Auferstehung, sondern auch an der Himmelfahrt Jesu.“ (213) Aber von der Taufe ist im Kap. Eph 2 nicht die Rede, sondern von Gnade und Glaube. Fichtenbauer überschreibt seinen Beitrag „Mariologie: Versuch eines Brückenschlags“ (197-214). Diesen „Brückenschlag“ empfinde ich als Verteidigung einer – allerdings reduzierten – Marienlehre. Eine Replik darauf oder ein evangelischer Beitrag zur Mariologie ist in diesem Band nicht enthalten.
 
Wenden wir uns dem letzten Mariendogma zu, der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel. Das Spezielle an diesem Dogma ist die Behauptung, dass Maria vor der leiblichen Verwesung bewahrt blieb. Dieser Vorzug wäre etwas Besonderes, zum Unterschied von der Vorstellung, dass die Seele vieler oder aller Geretteten in den Himmel kommt. Als Freikirchler würde ich gerne wissen (was ich von Fichtenbauer aber nicht erfahre), wie ein die katholische Lehre verteidigender Katholik mit dem Abschluss jenes Rundschreibens umgeht; dort warnt der Papst alle Zweifler und Kritiker. [Fn.: Am Ende jenes Rundschreibens verbietet der Papst jedem Menschen (!), dem von ihm dargelegten Dogma entgegenzutreten, andernfalls dieser Kritiker den Zorn Gottes auf sich herabrufe. Außerdem behauptet der Papst, dass jeder an diesem Dogma Zweifelnde vollständig vom göttlichen Glauben abgefallen sei.] Die Verkündigung dieses Dogmas war übrigens die einzige päpstliche Inanspruchnahme der dem Papsttum 1870 zugesprochenen Unfehlbarkeit. War der Papst beim Schreiben und Verkündigen solcher Sätze tatsächlich von Gott geleitet? Die evangelische Welt jedenfalls empfand damals diesen Schritt des Papstes als Affront.
 
Fichtenbauers Verteidigung dieses Dogmas verbindet sich mit dem Versuch, die Aussagen dieses Dogmas abzuschwächen (abgesehen davon, dass er einiges Anstößige gar nicht erwähnt, und auch Marias Bewahrung vor leiblicher Verwesung nicht ausdrücklich nennt, sondern bloß andeutet): Dass Maria dieser besondere Vorzug katholischerseits zugesprochen wurde, sei nur exemplarisch  gemeint (mit zeitlicher Verzögerung gilt Gleiches ohnehin für alle Geretteten), es sei also letztlich ein ekklesiologisches Dogma (weil für die ganze Kirche geltend, und es sei als Glaubensstärkung für die Kirche gedacht, dass unser zukünftiges Schicksal in Bezug auf Maria als bereits gegenwärtig ausgesagt werden könne). Und der Inhalt dieses Dogmas sei eine theologische Aussage, keine historische (211). Aber die leibliche Verwesung Verstorbener ist sehr wohl ein historischer Vorgang (und dementsprechend auch die Bewahrung davor).

Fazit

Der Sammelband zu 20 Jahren „Weg der Versöhnung“ dokumentiert Anliegen und Erlebnisse der Mitwirkenden, aber kaum theologische Ergebnisse ihres mutigen Aufeinander-Zugehens.